Interview mit Dr. Michael Schlipf über die Rolle der Fluorpolymere

Megatrends ohne Fluorpolymere nicht denkbar

Dr. Michael Schlipf

Perfluorierte und polyfluorierte Alkylsubstanzen, kurz PFAS, sind eine Gruppe von Chemikalien, die aufgrund ihrer besonderen Eigenschaften in einer Vielzahl von Konsumgütern und industriellen Anwendungen verwendet werden. Sie sind wasser-, fett- und schmutzabweisend, was sie in Produkten wie Kochgeschirr, Textilien oder in der Medizintechnik nützlich macht. PFAS sind jedoch auch sehr beständig in der Umwelt und reichern sich in Organismen an. Einige von ihnen gelten als krebserregend, andere sind als nicht bedenklich eingestuft. Aufgrund ihrer weit verbreiteten Verwendung und Persistenz gibt es weltweit Bemühungen, die Verwendung von PFAS zu regulieren. Die europäische Chemikalienagentur ECHA hat im Jahr 2023 ein vollständiges Verbot von PFAS vorgeschlagen, um ihre Verwendung in nicht essenziellen Anwendungen zu reduzieren und die Umwelt und die menschliche Gesundheit zu schützen. Das Verbot soll die Herstellung, Verwendung und Einfuhr von PFAS in die EU stark einschränken. Es sieht eine Übergangsfrist von fünf Jahren für die Entwicklung und Einführung sicherer Alternativen vor.

Dr. Michael Schlipf ist Vorstandsmitglied und Vorsitzender der Fachgruppe Fluorpolymergroup des Pro-K Industrieverband Halbzeuge und Konsumprodukte aus Kunststoff und hat in einem Interview im Rahmen eines Besuches bei Sikora verdeutlicht, dass Megatrends ohne Fluorpolymere nicht denkbar sind.

Herr Dr. Schlipf, welche Rolle spielen Fluorpolymere bei den neuen Megatrends, wie E-Mobilität, 5G-Datenübertragung, Grüner Wasserstoff oder die Erfüllung der Ziele des „Green Deal“ der EU?

Fluorpolymere sind auf Grund ihres speziellen Eigenschaftsprofils die Basis für alle der genannten Megatrends: In Elektroautos werden sie vor allem in den Batterien, aber auch in der Elektronik als Funktions- sowie Sicherheitskomponenten verwendet. Die 5G-Datenübertragung erfolgt über Antennen die aus CCL, ‚Copper-cladded-laminates‘ aufgebaut sind, ein Composit aus Kupferfolie, PTFE- oder FEP-Folie, sowie PTFE-beschichtetem Glasgewebe. Grüner Wasserstoff wird durch Elektrolyse von Wasser unter Verwendung von Strom aus Wind- oder Sonnenenergie erzeugt. Die Membranen in den Elektrolysezellen bestehen aus Fluor-Ionomeren. Der Ersatz fossiler Energieträger durch grünen Wasserstoff trägt maßgeblich zum Erreichen der Ziele des „Green Deal" bei.

Was bedeutet die geplante Beschränkung von PFAS in Deutschland/Europa für die Hersteller und Verarbeiter?

Hersteller von Fluorpolymeren in Europa reduzieren ihr Produktportfolio bzw. stellen die Produktion von Fluorpolymeren komplett ein. Die Hälfte der in Europa benötigten Fluorpolymere müssen dann zusätzlich importiert werden, wodurch die Abhängigkeit der in Europa positionierten Hochtechnologie von Importen aus dem Ausland drastisch zunimmt. Europa hat vergleichsweise hohe Sicherheits- und Umweltstandards für Produktionsanlagen. Die importierten Hochleistungswerkstoffe erreichen nicht in allen Belangen das hier gewohnte Qualitäts- und Reinheitsniveau. Durch die lokale Rohstoffverknappung wird ein Preisanstieg erwartet, der einen weiteren Wettbewerbsnachteil der europäischen Industrie nach sich ziehen wird.

Welchen Stellenwert hat Inspektions- und Sortiertechnologie aktuell bei der Herstellung und Verarbeitung von Fluorpolymeren?

Fluorpolymere werden vor allem in anspruchsvollen Anwendungen wie zum Beispiel der Medizintechnik, der Halbleiterindustrie und der Hochfrequenztechnik sowie der Lebensmittel- und Getränkeindustrie eingesetzt. Für diese Anwendungen gelten die höchsten Ansprüche bezüglich Reinheit und Qualität. Fertigungsprozesse können sehr aufwändig sein; umso höher ist der Schaden im Falle kontaminierter Endprodukte. Deshalb spielt die Inspektions- und Sortiertechnologie vor der Verarbeitung des Granulats eine bedeutende Rolle.

Wie sehen Sie die zukünftige Entwicklung der Branche auch in Bezug auf die Reinheitsprüfung von Material?

Wir befinden uns derzeit in einer Phase überproportionalen Mengenwachstums an Fluorpolymeren. Ursache hierfür ist die Tatsache, dass die meisten innovativen Megatrends auf der Verwendung von Fluorpolymeren basieren. Da diese neuen Anwendungen hohe Anforderungen hinsichtlich Reinheit und Qualität an die Fluorpolymere stellen, ist schon jetzt abzusehen, dass sich qualitätssteigernde Fertigungsschritte wie die Reinheitsprüfung ebenso überproportional weiterentwickeln werden.

Herr Dr. Schlipf, wir danken Ihnen für das Gespräch.
 

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